Das Teflon Trauma

In Pappbechern, Pizzakartons und anderen Lebensmittelverpackungen lauern umweltschädliche Substanzen. Die Industriechemikalien PFAS (per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen) sind in zahlreichen Produkten wie Papier, Kosmetika, Textilien, Teppichen und Feuerlöschschäumen enthalten. Über Luft, Abfälle und Abwasser gelangen sie in Böden und Gewässer, aber auch in Pflanzen, Tiere und ins Trinkwasser. Einige dieser Stoffe stehen im Verdacht, leberschädigend und krebserregend zu sein.

 

Mit dieser Beweisführung beschäftigt sich seit über zwanzig Jahren der amerikanische Anwalt Rob Bilott, der einen der größten Umweltskandale aller Zeiten aufgedeckt hat. Den Anstoß dazu gab ein Farmer aus West Virginia, der das plötzliche Dahinsiechen seiner 200 Kühe auf die angrenzende Mülldeponie des Chemiegiganten DuPont zurückführte. Die Fotos, Videos und konservierten Körperteile glichen Bildern aus einem Horrorfilm. Die Tiere hatten schwarze Zähne, tief eingesunkene rote Augen, verkrüppelte Hufe und merkwürdige Verfärbungen an den inneren Organen. Nach diesem schockierenden Anblick wechselte der Umweltrechtsexperte, der bis dahin Großkonzerne vertreten hatte,die Seite. Er übernahm diesen Fall, den der US-Regisseur Todd Haynes mit Mark Ruffalo und Anne Hathaway verfilmt hat.

 

 

Vergiftete Wahrheit erzählt, wie der unerschrockene Anwalt den David gegen Goliath-Kampf aufnimmt und den milliardenschweren Teflon- Konzern beim US-Bundesgericht verklagt. Monatelang sichtet er kistenweise Dokumente und durchforstet 110.000 Seiten mit interner Korrespondenz, medizinischen Berichten und vertraulichen Unterlagen aus fünfzig Jahren Firmengeschichte. Dabei findet er heraus, dass der Chemiekonzern die Schädlichkeit der Perfluoroktansäure (PFOA) selbst nachgewiesen hat. Trotz der tödlichen Wirkung wurden 7.100 Tonnen mit PFOA angereicherten Schlamm auf der Deponie verklappt, wo das Gift über das Abwasser in die Umgebung gelangte. Eine Studie ergab, dass fast 70.000 Anwohner jahrzehntelang kontaminiertes Trinkwasser getrunken haben. Viele von ihnen sind an Krebs erkrankt oder – wie der Farmer – daran verstorben.

 

Die Dreharbeiten zu dem Film erfolgten zum Teil an Originalschauplätzen in West Virginia. Haynes hat nicht nur den Anwalt und verschiedene Betroffene als Berater in die Produktion eingebunden, sondern auch einige von ihnen vor die Kamera geholt. „Der Film ist brandaktuell. Unsere Schutzmaßnahmen für den Umgang mit Wasser, Luft, bedrohten Arten und dem Klima werden gerade von der Politik massiv abgebaut“, erklärt Haynes. „Es steht nach wie vor viel auf dem Spiel.“

 

 

Die Produktionsfirma Participant hat eine Kampagne gestartet, um die Öffentlichkeit über die Gefahren langlebiger, schwer abbaubarer Chemikalien aufzuklären. PFAS,
 der Oberbegriff für rund 4.700 verschiedene Stoffgruppen, ist auch in Europa ein aktuelles Thema. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat den Grenzwert für Perfluoroktansäure, die für Antihaftbeschichtungen von Bratpfannen und zur Imprägnierung von Kleidung eingesetzt wird, um das 1.700-Fache gesenkt. Die Herstellung, Verwendung und der Import von PFOA werden in der EU ab 4. Juli 2020 eingeschränkt. Das Umweltbundesamt warnt, dass andere per- und polyfluorierte Chemikalien (PFC) genauso schädlich sein können.

 

Der Dark Waters-Schauspieler Mark Ruffalo war im Februar im Europa-Parlament zu Gast und hat die Politiker auf die Gefährlichkeit von PFAS hingewiesen. Inzwischen arbeiten die Chemikalienbehörden Deutschlands, Dänemarks, der Niederlande, Norwegens und Schwedens im Rahmen der Europäischen Chemikalienverordnung REACH an einem Vorschlag für ein umfassendes  PFAS-Verbot für alle Verwendungen dieser Stoffe, die nicht als "gesamtgesellschaftlich unabdingbar" gelten. Unternehmen, die PFAS verwenden oder deren Produkte PFAS enthalten, können bis zum 31. Juli 2020 gegenüber den Behörden darlegen, welche Verwendungen entsprechend einzustufen sind.

 

Für vier PFAS-Verbindungen wird von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit ein sogenannter "Tolerable Weekly Intake" (TWI) erarbeitet. Mit diesem Grenzwert soll festgelegt werden, welche Menge eines Stoffes oder einer Gruppe von Stoffen wöchentlich durch Lebensmittel aufgenommen werden kann, ohne dass diese Aufnahme gesundheitlich bedenklich ist. Die Stellungnahme der EFSA soll auch als Basis auf EU-Ebene bei den Verhandlungen über PFAS-Grenzwerte für Lebensmittel dienen.

 

Fotos: © Tobis Film GmbH, Daina Le Lardic/Europäisches Parlament

 

 

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