Die globale Revolution der Nachhaltigkeit

Die Klimakrise lässt sich noch abwenden, wenn die die Menschheit gemeinsam daran arbeitet. In der neuen Doku Immer noch eine unbequeme Wahrheit – Unsere Zeit läuft zeigt der ehemalige US-Präsidentschaftskandidat Al Gore auf, dass es durchaus Lösungen gibt, wenn rechtzeitig gehandelt wird. Seitdem der Friedensnobelpreisträger den Klimawandel in dem Oscar-gekrönten Film Eine unbequeme Wahrheit 2006 in den Fokus der Weltöffentlichkeit gerückt hat, sind die Temperaturen weiter angestiegen.

 

Dürre, Brände, schmelzende Eisberge, Stürme und Überschwemmungen haben in einem bisher noch nicht gekannten Ausmaß zugenommen wie nicht nur die aktuelle Überflutung in Texas zeigt. Für die Doku Immer noch eine unbequeme Wahrheit – Unsere Zeit läuft hat das Filmemacher-Duo Shenk und Bonni Cohen den Umweltaktivisten zwei Jahre lang rund um den Erdball begleitet.

 

Nach der Weltpremiere beim Sundance Film Festival und der Sondervorführung in Cannes kommt der Film jetzt in die deutschen Kinos. In Hamburg laden die GRÜNEN am 3. September zu einer kostenlosen Deutschland-Preview in das Open-Air-Kino im Schanzenpark. Green Film Shooting hat Al Gore in Berlin zum Gespräch getroffen.

 

Herr Gore, warum ist es so schwierig, die Klimaschutz-Gegner davon zu überzeugen, dass erneuerbare Energien besser als fossile Brennstoffe sind?
Al Gore: Ich glaube, dass viele von ihnen begreifen, dass wir uns in einer Übergangssituation befinden. Doch Menschen, die ökonomisch unter Druck stehen, sind anfällig für die Versprechungen von Politikern – auch wenn diese sehr unrealistisch sind. Die Marktkapitalisierung der Kohleindustrie ist im letzten Jahrzehnt um fast 90 Prozent gesunken und wird sich nicht wieder erholen.

Eine berühmter Ölminister aus Saudi-Arabien hat einmal gesagt, dass die Steinzeit nicht zu Ende gegangen sei, weil es keine Steine mehr gab, sondern weil etwas Besseres gefunden wurde. Das Zeitalter der fossilen Brennstoffe wird nicht vorbei sein, weil die fossilen Brennstoffe zur Neige gehen, sondern weil es eine bessere Alternative dazu gibt.

 

Wir müssen einen gesellschaftlichen Diskurs führen, zu dem nicht nur gehört, die wirkungsvollen technischen Veränderungen zu erkennen. Wir dürfen uns in dieser Übergangsphase nicht mehr von den Skeptikern aufhalten lassen, sondern müssen ihnen neue Möglichkeiten in Form von Ausbildung und Arbeitsplätzen eröffnen. In dem Bergbau-Bundesstaat Kentucky hat das Kohle-Museum gerade seine Energienutzung auf selbst erzeugten Solarstrom umgestellt, weil das günstiger ist.

 

Wie hoch ist die Ersparnis?
In den USA wird mit der Umstellung auf nachhaltige Energien inzwischen ein 17 Mal höheres Wachstum erzielt als in anderen Wirtschaftsbereichen. Die Sanierung von Gebäuden, der Einsatz von LED-Lampen, Elektroautos, Batteriespeichern und vielen andere effizienten Lösungen führen zu einer globalen Revolution der Nachhaltigkeit, die das Ausmaß der industriellen Revolution besitzt, aber das Tempo der digitalen Revolution.

 

Die Digitalisierung hat auch die Medienlandschaft verändert. Wie wirkt sich das auf den Prozess der politischen Willensbildung aus?
Um die Klimakrise zu bewältigen, müssen wir zunächst die Demokratie wieder herstellen. Die dringendste Reform ist, den Einfluss der großen Geldgeber in der US-Politik einzudämmen. Seitdem das Fernsehen das wichtigste Medium im politischen Entscheidungsprozess ist, verbringen die Kandidaten viel Zeit damit, Gelder von bestimmten Gruppierungen und reichen Einzelpersonen zu akquirieren, um Fernsehwerbung schalten zu können. Durch die Internet-Revolution wird das Fernsehen allmählich von anderen Kanälen abgelöst. Trotz aller Probleme, die mit den sozialen Medien verbunden sind, ermöglichen sie es, Spenden von einzelnen Bürgen einzusammeln und ohne die Mittel von Lobbyisten und Interessengruppen eine Kampagne auf die Beine zu stellen, wie Bernie Sanders bewiesen hat.

 

 

 

Wird die Zeit nicht allmählich knapp?
Der Wirtschaftswissenschafter Rudi Dornbusch hat einst gesagt, dass Veränderungsprozesse oft länger dauern als wir denken, aber plötzlich schneller geschehen sie als wir angenommen haben. Das war bei Handys, Smart-TVs und Computerchips der Fall. Und das gilt auch für die Wind- und Sonnenenergie. Das Phänomen einer Trendwende gibt es ebenso in gesellschaftlichen Revolutionen. Das Ende der Sklaverei, die Bürgerrechtsbewegung, die Frauen- und Schwulenbewegung haben sich gegen alle Widerstände durchgesetzt. Und zwar deshalb, weil die Menschen dies für richtig befunden haben. Auf diesen Wendepunkt steuern wir jetzt mit der Klimabewegung zu. Das Pariser Klimaabkommen belegt das. Selbst ohne die Unterstützung der USA geht es weiter voran.

 

Ist Trumps Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen ein herber Rückschlag?
Ja, aber der Schaden, den er angerichtet hat, ist begrenzt. Wir haben in den USA das System der Gewaltenteilung. Als Trump verkündet hat, aus dem Pariser Klimaabkommen auszusteigen, hatte ich Angst, dass andere Länder folgen werden. Doch es ist das Gegenteil eingetreten. Die Regierungen in Kalifornien, New York und anderen US-Bundesstaaten haben sogar höhere Auflagen angekündigt. Zahlreiche Städte in den USA wollen zu 100 Prozent auf erneuerbare Energien umstellen.

 

Im Film zeigen wir die konservativste Stadt in Texas, die nur mit Wind- und Sonnenenergie gespeist wird.
In seiner Rede am 1. Juni hat Präsident Trump erklärt, dass er gewählt worden ist, um Pittsburgh – und nicht Paris – zu präsentieren. Am nächsten Tag hat der Bürgermeister von Pittsburgh bekannt gegeben, die Stadt zu hundert Prozent erneuerbare Energien umzustellen.

 

Haben Sie eine Vision, wie unsere Welt aussehen würde, wenn Sie US-Präsident geworden wären?
Alternative Geschichte ist zwar schön, aber leider nicht zielführend. Als Vize-Präsident konnte ich damals Präsident Clinton davon überzeugen, in dem ersten Haushalt im Kongress eine CO2-Steuer einzuführen. Dies wurde im Repräsentantenhaus verabschiedet, aber vom US-Senat abgelehnt. Ich stelle mir gerne vor, dass ich als Präsident mehr Einfluss gehabt hätte, um den Herausforderungen der Klimakrise mit Maßnahmen wie einer CO2-Steuer zu begegnen.

 

Welche wirtschaftspolitischen Steuerungsinstrumente sind außerdem denkbar?
Die Regierungen könnten die Subventionen fossiler Brennstoffe stoppen. Auf der globalen Basis sind die Subventionen für fossile Energie viermal so hoch wie für erneuerbare Energien. Einer beim G20-Gipfel präsentierten Erhebung zufolge fördern diese 20 Regierungen viermal mehr fossile Brennstoffe als erneuerbare Energien. Zu den wichtigen Reformen gehört es, die Subventionen für fossile Energie streichen und CO2-Emissionen zu besteuern.

 

Was passiert unter Trump mit der Environmental Protection Agency (EPA) ?
Ich hoffe sehr, dass der Kongress nicht den Plänen von Präsident Trump folgt. Er hat überzeugte Klimawandel-Leugner an die Spitze der EPA und des Energieministeriums gesetzt, die versuchen, dort viel zu zerstören. Aber es gibt Widerstand im amerikanischen System, denn wir verfügen über eine Gewaltenteilung. Trumps Vorschläge stoßen auf großen Protest.

 

In Norwegen könnte die Regierung vor dem Obersten Gerichtshof verklagt werden, weil sie Ölbohrungen in der Arktis erlaubt. Brauchen wir einen Internationalen Umweltgerichtshof, um künftig derartige Umweltsünden zu verhindern?
Das ist eine interessante Idee. Es dürfte nicht erlaubt werden, Ölbohrungen in der arktischen Region vorzunehmen, weil das unverantwortlich ist. In Gegenden mit einem sehr empfindlichen Ökosystem wie in der Arktis gibt es keine Möglichkeiten, ein Leck zu beheben oder Arbeiter zu retten, wenn sie in Lebensgefahr geraten.

Ich bezweifle allerdings ernsthaft, dass das politische System weltweit eine Reife erreicht hat, welche die Einrichtung eines internationalen Umweltgerichtshofes ermöglichen würde. Ich selbst habe keine guten Erfahrungen mit dem Obersten Gerichtshof in den USA gemacht…

 

Fotos: © Participant Media, Paramount Pictures

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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