Grüne Netzwerke beim Zurich Film Festival

"Was wäre, wenn die Bäume uns genauso beobachten, wie wir sie beobachten?" – Diese Frage wirft ein Neurowissenschaftler in dem neuen Kinofilm Stille Freundin auf, den die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi auf dem Zurich Film Fest vorgestellt hat. Im Zentrum dieses Film steht ein majestätischer Ginkgobaum, der sich im Botanischen Garten der Universitätsstadt Marburg befindet. Als stiller Zeuge hat er über ein Jahrhundert lang den Veränderungen im Laufe von drei Menschenleben beigewohnt. 1908 entdeckt die erste Studentin der Universität ( Luna Wedler) mit Hilfe der Fotografie Muster, die in Pflanzen verborgen sind. 1972 gewinnt ein junger Student (Enzo Brumm) neue Erkenntnisse durch das Beobachten einer Geranie. 2020 startet ein Neurowissenschaftler aus Hongkong (Tony Leung Chiu-wai) ein unkonventionelles Experiment mit dem alten Baum.

 

Jeder von ihnen ist in seiner eigenen Gegenwart verwurzelt und versucht auf unterschiedliche Weise eine Verbindung zu diesem uralten Ginkgobaum herzustellen. „Die drei Hauptfiguren sind Außenseiter. Auch die Pflanzen im Botanischen Garten sind Außenseiter, denn es sind einsame Seelen“, erklärt Ildikó Enyedi. „Es gibt keine einsamere Pflanze als den Ginkgobaum, der praktisch ausgestorben ist.“ Vor 180 Millionen Jahren waren verschiedene Ginkgoarten wie der Fächerblattbaum auf der ganzen Welt verbreitet. In Asien gibt es noch einige dieser prähistorischen Baumarten, die über 1.000 Jahre alt sind. Ein Ginkgo erreicht in hundert Jahren eine Höhe bis zu vierzig Metern. Da Ginkgos zweihäusig sind, existieren männliche und weibliche Pflanzen, die erst im Alter zwischen 20 und 35 Jahren geschlechtsreif werden.

 

„Das erste Experiment zur Kommunikation mit Pflanzen erfolgte in den 1970er Jahren, als ich Teeenager war“, sagt die Filmemacherin, die davon so fasziniert war, dass sie das Thema weiter verfolgt hat. Inzwischen ist es wissenschaftlich belegt, dass Pflanzen miteinander kommunizieren können, da sie durch ein riesiges unterirdisches Netzwerk miteinander verbunden sind, über das sie Informationen austauschen. Bäume können über das Wood Wide Web, einem riesigen Netzwerk aus Pilzgeflecht und Baumwurzel, Informationen über Wasser, Nährstoffe und ungleich verteilte Ressourcen austauschen. Auf diese Weise ernährt ein großer Baum beispielsweise einen Keimling, der in seinem Schatten wächst. Unter einem Quadratmeter Boden verlaufen tausende Kilometer von Pilzfäden.

 

Ich habe den ersten Drehbuchentwurf vor zehn Jahren geschrieben“, berichtet Ildikó Enyedi, „und diesen Stoff beiseite gelegt, um zwei andere Filme zu drehen. Dann habe ich dieses Projekt wieder aufgegriffen und drei Jahre intensiv daran gearbeitet. Um den Fortpflanzungsprozess des Ginkgos zu zeigen, hat sie sehr seltene mikroskopische Aufnahmen aus Japan erworben, auf denen die Bewegungen der Spermien gezeigt werden, die denen von Menschen gleichen. „Um zu zeigen, was in der Pflanzenwelt geschieht, habe ich einen Baum als Protagonisten gewählt. Bäume haben allerdings eine ganz andere Lebensdauer. Deshalb wollte ich bestimmte Momente in einem Jahrhundert einfangen, in denen es große Veränderungen für die Menschheit gegeben hat.

 

In die faszinierende Welt des Waldes ist der französische Naturfilmemacher Vincent Munier in seinem neuen Werk Le Chant des Forêts eingetaucht. Gemeinsam mit seinem Sohn und seinem Vater begibt er sich auf einen Streifzug in die Wälder der Vogesen, wo Luchse, Bären und Hirsche in freier Natur leben. Dabei ging es Vincent Munier nicht nur darum, mit der Kamera atemberaubende Naturaufnahmen einzufangen, sondern auch die Klänge und das Flüstern des Waldes zu vermitteln.

 

„Ein visuelles Naturgedicht, das Generationen und ihre Waldliebe verbindet und uns erlaubt, heimische Tiere aus nächster Nähe zu beobachten“, sagt Reta Guetg, Vizedirektorin des Zurich Film Festival. „Diese Einladung zur Entschleunigung mit eindringlichem Klangerlebnis habe ich nur zu gerne wahrgenommen.“

 

Fotos: © GFS, Pandora Film

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