Popcorn als Styroporersatz

Popcorn ist der Klassiker unter den Kino-Snacks. Doch der knackige Knabberspaß kann mehr als nur den Filmgenuss versüßen. Die aufgepoppten Maiskörner eignen sich ideal als Rohstoff für umweltschonende Verbundwerkstoffe, mit denen sich Dämmmaterialien, Spanplatten, Verpackungen, aber auch Möbel und Kinderspielzeug herstellen lassen. Dafür setzt die Industrie bisher Polystyrol-Werkstoffe wie Styropor ein, mit deren Erzeugung, Einsatz und Entsorgung Umweltbelastungen einhergehen.

 

Die Idee, das innovative Material aus nachwachsenden Rohstoffen als Polystyrol-Ersatz zu verwenden, stammt von Prof. Dr. Alireza Kharazipour, der an der Universität Göttingen in der Fakultät für Forstwissenschaften und Waldökologie tätig ist. Zu seinen Forschungsschwerpunkten im Bio-Technikum gehören Chemie und Verfahrenstechnik von Verbundwerkstoffen. Ein Kinobesuch mit seiner Frau in Göttingen inspirierte ihn dazu, auf der Basis von geschrotetem Mais ein federleichtes Granulat herzustellen. „Im Dunkeln fühlte sich das Popcorn genauso leicht an wie Styroporkugeln“, erklärt Prof. Dr. Kharazipour. „Am nächsten Tag habe ich Mais gekauft und zuhause im Topf Popcorn hergestellt.“

 

Nachdem das ganze Haus nach Popcorn roch, verlegte er seine Experimente ins Labor an der Uni. Er vermischte Popcorn mit Holzspänen und produzierte
Spanplatten, die über die gleiche Stabilität verfügen, aber bis zu
40 Prozent leichter sind. Die Lizenz an diesem patentierten Verfahren erwarb 2011 die Firma Pfleiderer in Gütersloh, die mit dem preisgekrönten Balance Board Küchenmöbel herstellt und die AIDA Kreuzfahrtschiffe ausstattet.

 

Mittlerweile hat sein Team im Büsgen-Institut rund 40 Produkte entwickelt, die zu 100 Prozent aus geschrotetem Popcorngranulat und Proteinen als Bindemitteln bestehen. „Die Produkte sind sehr leicht, denn Popcorngranulate sind wie Waben mit Luft gefüllt“, erläutert der Professor. „Wenn Körnermais zu Popcorn expandiert, vergrößert sich das Volumen um 15 bis 20 Prozent.“

 

 

Während 19 mm dicke Spanplatten 650 bis 700 kg/m3 wiegen, sind die Popcorn-Platten mit nur 70 bis 200 kg/m3 ultraleicht. „Sie sind preislich günstiger als kunststoffbasierte Materialien, aber genauso fest und lassen sich problemlos mit der Kreissäge schneiden.“ Der Werkstoff kann wiederverwendet oder sogar zuhause kompostiert werden.

 

 

Aufgrund der Feuerfestigkeit des Popcorn-Werkstoffes bewerben sich verschiedene Kunststoffhersteller um das Patent zur Herstellung von dene Dämmplatten. Im Gegensatz zu  Dämmstoffen aus Styropor, die bei Temperaturen von 600 bis 900 Grad in der Brennkammer lichterloh in Flammen aufgehen, werden die Popcornplatten lediglich leicht angesengt. „Da Popcorn aus Stärke besteht, karamelisiert nur die Oberfläche des Polysaccharids und wird hart wie Stein.“

 

 

Zudem besitzen die Popcorndämmplatten mit Lambda-Werten unter 0,040 eine bessere Dämmeigenschaft als Styropor und eignen sich aufgrund ihrer Schallabsorptionseigenschaften gut für Kinos, Studios oder Theater. Popcorn-Reste, die im Kino bisher in der Biotonne gelandet sind, können im Sinne der Kreislaufwirtschaft zu Produkten wie Dämmplatten verarbeitet werden. „Die Möglichkeiten sind vielfältig und längst noch nicht ausgeschöpft“, resümiert Prof. Dr. Kharazipour.

 

Fotos: © Prof. Dr. Alireza Kharazipour

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.