Sustainability in Action in Cannes

Bei der Podiumsdiskussion Sustainability in Action, die Green Film Shooting und CineRegio im Rahmen der 72. Filmfestspiele in Cannes veranstaltet haben, tauschten sich Produzenten, Vertreter von Filmförderungen, grüne Berater und Technikexperten über Ansätze und Strategien für eine nachhaltige Filmproduktion aus. Als pan-europäischer Zusammenschluss der regionalen Filmförderungen in Europa repräsentiert CineRegio eine Summe in Höhe von knapp 200 Millionen Euro Filmförderung im Jahr. "Beim diesjährigen Cannes Filmfestival haben die regionalen Filmförderungen in unserem Netzwerk finanzielle Unterstützung für 52 Prozent der Filme im Wettbewerbsprogramm gewährt", erklärt Charlotte Applegren, Generalsekretärin von CineRegio. "Das bedeutet, dass wir auch Verantwortung für unserer Gesellschaft übernehmen müssen, der wir angehören. Unsere Zielsetzung sieht vor, dass die Hälfte aller Regionalförderungen in unserer Organisation  bis Ende dieses Jahres eine Strategie für eine nachhaltige Filmproduktion in ihrer Region vorlegen."

 

Ein Weckruf für die Filmbranche kommt auch aus Schweden, wo der Produzent Ronny Fritsche eine Kampagne gegen den Klimawandel gestartet hat, die bereits  rund 500 Kreative aus der Filmbranche in Schweden and Norwegen unterzeichnet haben. Der Zentropa-Produzent kam nicht persönlich nach Cannes, sondern hielt zum Auftakt des Sustainability in Action-Panels eine Keynote per Video .

 

 

"Es steht nicht mehr zur Debatte, dass die Produktionsvorbereitung die Produktion und die Nachbearbeitung nachhaltig erfolgen muss", betonte Nevina Satta, Chefin der Sardegna Film Commission. "Wir werden jede Produktionsfirma dazu bringen, unsere grünen Richtlinien zu befolgen. Darüber werden wir nicht mehr verhandeln." Nach Einschätzung von Helge Albers, dem Geschäftsführer der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein, ist die Vorstellung, dass die grüne Produktion mit Hindernissen verbunden sei, die eigentliche Ursache desProblems. "Wir sprechen hier über einen kulturellen Wandel, mit dem wir umgehen und den wir voranbringen müssen. Jeder kulturelle Wandel ist mit Rückschlägen und Widerständen verbunden. Wir haben das in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen beim Recycling von Platikflaschen erlebt. Jedes Mal, wenn neue Ideen eingeführt werden, fürchten die Menschen den Verlust von Arbeitsplätzen, Entwicklungen und Wachstum", unterstrich Helge Albers. "Ich glaube daher, dass Anreize eine wirkungsvollere Maßnahme sind als Etatkürzungen."

 

Joanna Gallardo, Leiterin des Bereichs Institutionelle Beziehungen in der Film Paris Region und Beraterin des Ecoprod-Kollektivs in Frankreich hält es ebenfalls für den richtigen Weg, der Filmbranche Anreize für die grüne Produktion zu geben. "Unsere zehnjährige Erfahrung hat gezeigt, dass wir es nicht schaffen werden, den gesamte Sektor auf nachhaltige Produktion umzustellen, wenn wir keine öffentliche Fördermittel dafür zur Verfügung stellen", erklärte Gallardo. Aus diesem Grunde bietet die Film Paris Region Produktionen einen Öko-Bonus von 25.000 Euro an, wenn sie ihre Filme umweltfreundlich herstellen.

 

In Trentino hat die Filmförderung das T-Green Film Rating-System entwickelt, das Produzenten ebenfalls Anreize gewährt, wenn sie auf eine umweltfreundliche Produktion setzen. "Unsere lokale Umweltbehörde nimmt die Zertifizierung der Filmproduktionen vor", erläuterte Luca Ferrario, Projekt-Manager bei der Trentino Filmförderung und Film Commission . "Bisher haben rund die Hälfte der Filmproduktionen in Trentino das grüne Zertifikat beantragt."

 

Der italienische Produzent Simone Gattoni hat beim diesjährigen Cannes Filmfestival zwei Filme im offiziellen Programm präsentiert. "Abel Ferraras Film Tommaso war aufgrund seiner Produktionslogistik durchaus nachhaltig, denn es war ein sehr kleines Projekt. Da wir den Film mit einem kleinen Team nur in zwei Straßen in Rom gedreht haben, brauchten wir keine großen Lastwagen. Auch das Catetering war vegetarisch", berichtete der Produzent. Währenddessen waren mit der Produktion des Goldenen Palmen-Kandidat Der Verräter von Marco Bellochio weitaus größere Umweltbelastungen verbunden. "Der Film ist über 15 Wochen rund um den Erdball gedreht worden, so dass die Schauspieler und Teammitglieder nach Deutschland und Brasilien fliegen mussten", konstatierte Simone Gattoni. " Ich habe dadurch erst realisiert, wie zerstörerisch wir sein können. Ich will bei unseren künftigen Produktionen einen anderen Ansatz verfolgen, selbst wenn ich keine Förderung dafür erhalte."

 

In Paris hat sich die Beratungsfirma Secoya darauf spezialisiert, ihre Kunden bei der grünen Produktion zu unterstützen und ihren CO2-Fußabdruck zu reduzieren."Es gibt viele Möglichkeiten, um die Kosten für nachhaltige Produktionen zu senken", sagte Charles Gachet-Dieuzeide, der Gründer und Geschäftführer von Secoya. "In Paris müssen wir keine Parkgebühren für Elektroautos zahlen, was mit acht Euros pro Stunde durchaus zu Buche schlägt." In der britischen Metropole London berät Melanie Dicks mit ihrer Firma Greenshoot schon seit vielen Jahren Produktionen. Auch sie plädierte für finanzielle Anreize für Filmproduktionen "Ein grüner Tax Credit von zwei Prozent wäre eine Lösung", unterstrich Melanie Dicks. "Wenn die Filmförderungen das heute ankündigen, würden binnen einer Stunde alle Produzenten auf der Croisette Schlange stehen."

 

Ein großer Teil der CO2-Emissionen wird bei Filmproduktionen durch den Energiebedarf generiert. In einigen Großstädten gibt es bereits strengere Auflagen, die den Einsatz von Dieselgeneratoren an Filmsets zu bestimmten Zeiten untersagen, um Lärm und Emissionen zu vermeiden. Eine nachhaltigere Lösung wird vom EU-Förderprojekt Everywh2ere entwickelt, an dem zwölf Partner aus ganz Europa beteiligt sind. "Unser Ziel ist, mit Wasserstoff elektrischen Strom für Events oder auch Filmsets zu produzieren", erläuterte der  Everywh2ere- Projektmanager Stefano Barberis. "Das ist nicht gefährlicher als ein herkömmliches Auto. Selbstverständlich müsen gewisse Sicherheitsstandards berücksichtigt werden, da Wasserstoff unter großem Druck transportiert werden muss."

 

Die Plannung sieht vor, bis zum Sommer insgesamt acht Generatoren mit 20 KW und 100 KW Leistung fertigzustellen, die auf zeitlich begrenzten Veranstaltungen wie Messen, Ausstellungen, Musikfestivals, Filmsets und Baustellen zum Einsatz kommen können. "Die Idee ist, einen Paradigmenwechsel bei der Art der Energieerzeugung herbeizuführen. In einer Brennstoffzelle wird Wasser in Energie umgewandelt", resümiert Stefano Barberis. "Das ist leicht anwendbar und keine Raketenwissenschaft, obwohl die Wassertofftechnologie aus der Raumfahrt-Technik hervorgegangen ist."

 

Foto:© GFS/ Video © Ronny Fritsche/Zentropa

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